Schöner Wohnen am Roßweiner Markt

09.03.2017 um 16:43 Uhr

Mit Hilfe einer TV-Sendung wollen Heike Richter und Matthias Liebscher das Nebengebäude des Rheinischen Hofes ausbauen und sich und anderen dort ein neues Zuhause schaffen.

(Foto: Sven Bartsch)

Der erste Drehtag ist schon geschafft, bis Jahresende will das Paar einziehen. Doch bis das knapp 170 Jahre alte Haus wieder strahlt, dauert es wohl noch fünf Jahre.

Der Rheinische Hof war einst erstes Haus am Platz - direkt gegenüber des Roßweiner Rathauses residierten hier einst hohe Damen und Herren. Die Stadt hat aus der einstigen Ruine zumindest optisch wieder einen Hingucker gemacht. Die Fassade strahlt orange, das Dach ist dicht, die heute unnützen rückwärtigen Gebäude sind verschwunden.

Links daneben steht das 1839 errichtete Wohnhaus, welches im Ensemble immer als Erweiterung des Hotels nebenan empfunden wird. Ähnlich trist wie bis 2015 der Rheinische Hof sieht das Nebengebäude von außen derzeit aus: graue Fassade, abgehängte Schaufenster der früheren Läden im Erdgeschoss, ein wackeliges Dach. Doch im Gegensatz zu nebenan, wo bisher noch kein Investor für den weiteren Ausbau - bevorzugt für altersgerechtes Wohnen - gefunden ist, kommt ins Nebengebäude wieder Leben. Im Oktober des vergangenen Jahres haben Heike Richter und Matthias Liebscher das Haus gekauft und basteln seither an ihrem Traum vom eigenen Zuhause. „In die mittlere Etage wollen wir selbst einziehen und Heikes Sohn zieht unten ein. Oben wollen wir zwei Wohnungen vermieten und ins Geschäft unten will ich mein eigenes Hausmeisterbüro einrichten, das ich nebenbei betreibe“, erklärt Matthias Liebscher die Pläne des Paares, das zusammen bei Hitachi im Roßweiner Gewerbegebiet Goldene Höhe arbeitet.

Derzeit leben sie zusammen in seiner Roßweiner Wohnung, ihre haben sie aus Kostengründen bereits aufgegeben, weswegen in der künftigen Wohnetage am Markt schon allerlei Möbel und Sachen von Heike Richter stehen. Sie freut sich besonders auf wesentlich mehr Platz für ihre Sammelleidenschaft. „Wir sind große Coca Cola-Fans, haben Gläser, Flaschen Werbetafeln. Ich sammle außerdem Schlümpfe von Schleich und Überraschungsei-Figuren. Das konnte ich nie alles aufstellen“, sagt Heike Richter.

Damit soll es dann vorbei sein. Ein eigenes Coca Cola-Zimmer ist ebenso geplant wie eine Modelleisenbahn, die durch die gesamte Wohnung fährt - die Leidenschaft des Sohnes der 44-Jährigen, der auch beim Modelleisenbahnclub Roßwein (MEC) aktiv ist. Er soll auch die frühere Garage im Hinterhof fürs Basteln am Moped nutzen können.

Die alte Sickergrube, die teilweise eingestürzt ist, wird entfernt. Hier soll es Wiese, Sandkasten und Schaukel geben, denn Matthias Liebscher bringt drei Kinder aus erster Ehe mit ins neue Heim. „Sie kommen alle 14 Tage zu Besuch und sollen ein eigenes Zimmer bekommen“, sagt er. „Anfangs dachten wir, das Haus ist viel zu groß für uns. Aber als wir dann die Planung gemacht haben, war der Platz schnell weg“, sagt er.

Bislang haben die beiden jeden Tag nach Schichtende im Werk im Haus gearbeitet. Der Müll ist aus den Zimmern, der Hinterhof beräumt. Die Dachfenster, die jahrelang offen gestanden hatten, sind verschlossen, damit es nicht noch stärker hinein regnet. Das hat im Obergeschoss bereits zu einem großen Schaden geführt: Ein metergroßes Locht klafft in der Decke - derzeit die größte Baustelle im Haus.

Dennoch will das Paar die mittlere Etage noch in diesem Jahr beziehen - auch aus Geld- und Zeitgründen. „Früher haben wir 800 Euro Miete gezahlt - das kann man auch ins Haus stecken“, meint der 38-Jährige. Und: „Wenn man hier wohnt, kann man mehr machen. Ist man einmal in der Mietwohnung, sagt man sich schneller mal, heute bleibe ich lieber auf der Couch“, sagt Liebscher.

Um ihr Ziel zu erreichen, haben sich die beiden Hilfe bei der RTL II-Sendung „Schnäppchenhäuser“ geholt. „Ich habe das immer im Fernsehen geschaut und dachte, wenn du selbst mal ein Haus hast, meldest du dich an“, erzählt er. Gesagt, getan. Der erste Drehtermin liegt bereits hinter den Hausbesitzern, in Kürze rückt das dreiköpfige Kamerateam wieder auf der Baustelle an. „Man muss alles zehn Mal erzählen“, berichtet Liebscher von seiner ersten Dreherfahrung. Alles müsse aus verschiedenen Einstellungen gefilmt werden. „Und die wollen Action haben. Sie geben Themen vor, aber nicht, was man sagen soll“, erklärt er.

Im Gegensatz zu anderen Hausbausendungen rückt in Roßwein kein Team an Handwerkern an, um bei der Sanierung zu helfen. Hier werden Probleme und Herausforderungen der beiden bei der Arbeit dokumentiert. Dafür bekommen die Roßweiner Gage, die ins Hausprojekt fließen kann. Fünf Drehtage im Abstand von einigen Wochen sind geplant. Dazu haben sie von der Produktionsfirma eine eigene Kamera bekommen, mit der sie zwischendurch Videotagebuch führen müssen. Frühestens Ende des Jahres wird die Roßweiner Episode über die Bildschirme flimmern.

Schauen wollen Heike Richter und Matthias Liebscher die Sendung dann schon in den eigenen vier Wänden. Der Plan bis dahin steht: Der Baustrom liegt an, neuer Fußboden und Laminat sollen rein, die Wände gespachtelt und die Decken mit Grobspanplatten (OSB - engl.: Oriented Strand Board) abgehängt werden. Der Denkmalschutz hat sich bereits eingeschaltet. Dach, Fenster und Fassade müssen original wieder hergestellt werden. Matthias Liebscher - selbst gelernter Tischler - will die alten Holzfenster wieder aufarbeiten und im nächsten Jahr auch Fördermittel für die Außensanierung beantragen. Die Farbe ist bereits abgesprochen: „Das Tor wird grau, die Sandsteineinfassungen bleiben und die Fassade bekommt einen rötlichen Ton“, sagt er voller Vorfreude. Ganz fertig soll das Haus in etwa fünf Jahren sein.

Eigentlich wollte Roßweins Bürgermeister nach dem Rheinischen Hof auch dessen Nebengebäude durch die Stadt erwerben lassen, doch der Stadtrat erteilte dem Ansinnen im vergangenen Jahr eine Absage. 2015 hatte die Kommune das frühere Hotel übernommen und mit Hilfe von Fördermitteln Dach und Fassade saniert und rückwärtige Gebäude abreißen lassen. Seither ist die Verwaltung mit bundesweiter Werbung auf der Suche nach einem Investor, der hier altersgerechte Wohnungen einbaut. Dass das Nebengebäude nun dafür nicht mehr zur Verfügung steht, sieht der Bürgermeister gelassen. „Es hätte mit dem Gebäude daneben eine gute Quadratmeterzahl ergeben, aber es kann am Rheinischen Hof auch hinten angebaut werden“, meint er. Mit Heike Richter und Matthias Liebscher steht er bisher in gutem Kontakt und hofft, dass sie das marode Gebäude wieder in Schuss bringen. „Es ist erstmal schön, dass es einen Besitzer gibt, der ansprechbar ist, die Verkehrssicherung bringt und kehrt. Und wenn das Gebäude vielleicht bis 2020 zur 800-Jahr-Feier wieder erstrahlt, wäre es umso schöner“, wünscht sich der Bürgermeister.

(Autor: Sebastian Fink, Döbelner Allgemeine Zeitung vom 08.03.2017)