Stolpersteinverlegung in Roßwein erfolgt

16.11.2015 um 15:38 Uhr

Am 12. November 2015 fanden sich neben den Mitgliedern der AG Geschichte des „Treibhaus“ e.V. Döbeln Sophie Spitzner und Stephan Conrad, dem Künstler Gunter Demnig, dem Roßweiner Bürgermeister Veit Lindner, dem Pfarrer Dr. Heiko Jadatz, Prof. Dr. Matthias Pfüller und dem Roßweiner Posaunenchor noch ca. 20 Interessierte morgens um 9.00 Uhr in der Mühlstraße ein.

 

 

Die Verlegung ist Teil eines Projektes, das im Altkreis Döbeln von der AG Geschichte umgesetzt wurde und der Erinnerung an die jüdischen Mitmenschen dienen soll, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.

Die ersten vier von insgesamt 12 Stolpersteinen verlegte Gunter Demnig vor dem Haus Nr. 18.

Nach einem Bläserstück des Posaunenchores sprach Bürgermeister Lindner zu den Anwesenden und unterstrich in seiner Rede die Bedeutsamkeit der Aufarbeitung von Geschichte vor allem im Hinblick darauf, dass sich derartige Verhältnisse nicht wiederholen dürfen. Das Wachhalten von Geschichte ist dafür unabdingbar und so sind die Stolpersteine eine Mahnung, die im Alltag den Bezug zu einem Teil der Roßweiner Stadtgeschichte herstellt.

Erinnert wurde am ersten Verlegeort an den Textilwarenhändler Alfons Goldmann, seine Frau Magdalena geb. Griessbach sowie ihre Kinder Dorothea und Rudolf.

Sophie Spitzner las den Versammelten die Rechercheergebnisse zu den einzelnen Biografien vor und nannte die vier Paten der Steine, die jeweils die Kosten für einen Stein übernahmen.

Einer der Paten sandte den Organisatoren vorab einen Text mit der Bitte, ihn am Tag der Stolpersteinverlegung mit zu verlesen.

„Seit ich mich mit der im Holocaust endenden Verfolgung von Menschen mit einem jüdischen Hintergrund in Nazideutschland beschäftigt habe, hat mich auch immer der Gedanke besonders gegruselt, wie leicht es scheinbar möglich ist, dass aus normalen Nachbarn aufgrund irgendwelcher kollektiver Zuschreibungen auf einmal Wesen werden, denen zunächst normale Menschenrechte abgesprochen werden und die dann schließlich sogar umstandslos getötet werden dürfen oder vermeintlich sogar müssen. Ich scheue mich dabei auch ausdrücklich, Substantive wie "Juden" oder "Deutsche" zu verwenden, weil es nach meinem Verständnis nur Menschen gibt, die in ihrer jeweils individuellen Komplexität verschiedenste Merkmale haben, von denen selbst gefühlte oder zugeschriebene Identitäten nur Teilaspekte sind. Damals wurde ganz normalen Mitbürgern erst das Bürgerrecht, dann die Menschenwürde und schließlich das Leben abgesprochen. Diese Menschen haben hier gelebt und unseren Kulturraum mitgeprägt. Die Nazis wollten nicht nur diese Menschen vernichten, sondern auch die Erinnerung daran, dass sie bis dahin normaler Teil unser hier lebender Gemeinschaft von Menschen waren. Die Stolpersteine helfen daran zu erinnern, dass das so war und wirken damit zumindest dem von den Nazis bezweckten Auslöschen der Erinnerung an unsere einstigen Nachbarn entgegen. Außerdem führen uns diese Stolpersteine vor Augen, was Menschen Menschen anzutun in der Lage sind, dass dies aber kein unvermeidliches Schicksal ist, sondern jeder einzelne mitwirken kann, dass derartiges nie wieder geschieht. Wobei daran erinnert sei, dass das Töten erst am Ende eines Prozesses der kollektiven Ausgrenzung stand, weshalb es unsere Aufgabe ist, bereits hier jederzeit wachsam und aktiv zu sein.

Herzliche Grüße, Wolfram Günther“

 

Der nächste Verlegeort für 3 Stolpersteine befindet sich in der Nossener Straße. Stephan Conrad berichtete, dass im Haus Nr. 11 der Werkmeister Alfred Strauss mit seiner Frau Sophie, geb. Kahn, und seiner Tochter Thea wohnte.

 

Pfarrer Dr. Heiko Jadatz hielt hier eine kurze Rede, in der er auf Yad Vaschem einging.

 „Yad Vaschem – Denkmal und Name so heißt die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem.

In der „Halle der Namen“, dem letzten Raum im Rundgang des Museums zur Geschichte des Holocaust, werden die Namen und persönlichen Daten der jüdischen Opfer des nationalsozialistischen Massenmordes gesammelt. 

Ihre Namen sind nicht vergessen. Das zeigen wir auch hier in Roßwein, indem wir Stolpersteine verlegen, die an deportierte Roßweiner Juden erinnern. Ihre Namen sind nicht vergessen, sondern ab heute werden die Passanten hier in der Nossener Straße über ihre Namen stolpern.

Ihre Namen sind in unserem Gedächtnis und hier nun auch vor Augen. Sie können die NS-Greultaten mit dem Holocaust nicht rückgängig machen. Aber die Namen, sie sind ein Zeichen gegen das Vergessen, gegen Gleichgültigkeit und Selbstbezogenheit im Blick auf Menschen, die verfolgt werden, die missachtet werden, die getötet werden."

 

 

Der dritte Verlegeort ist in der Dresdener Straße zu finden. Hier setzte Gunter Demnig vor dem Haus Nr. 17 zwei Stolpersteine für Elsa und Arthur Sachs, die Kinder des Kaufmannes Simon Sachs und seiner Frau Johanna, geb. Pacyna.

Nach dem Spiel des Posaunenchores sprach vor Ort Prof. Dr. Pfüller von der Notwendigkeit der Erhaltung und Entwicklung einer Erinnerungskultur in der Gegenwart und der Zukunft. Er verwies auf die Leugnungsversuche und Umdeutungen, die von rechten oder rechtspopulistischen Kräften tagtäglich propagiert werden. Darüber hinaus gilt aus seiner Sicht die bekannte Formulierung „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“ – für Roßwein könnte Erinnerung Frieden in der Stadt bedeuten.

 

Der letzte Verlegeort des Tages befindet sich in der Goldbornstraße. In dem Wohnhaus 22, welches heute nicht mehr steht, wohnte der Inhaber eines Konfektionsgeschäftes Josef Lazar Bibring mit seiner Frau Fanny, geb. Volkmann, und seiner Tochter Natalie.

Mit einem letzten Musikstück endete hier eine würdige Verlegeaktion der Stolpersteine, und in Roßwein ist damit wieder ein Stück Geschichte sichtbarer geworden.